Artikel über die Frauenselbsthilfe nach Krebs, Oberhessische Zeitung 2005

Lebensfreude auch im schwärzesten Tal

Aus 42 hessischen Ortsverbänden der “Frauenselbsthilfe nach Krebs” trafen sich Delegierte drei Tage in Homberg:

HOMBERG (mp). “Ich hatte das Gefühl, als wär` ich ein kleiner Vogel, dem man einen Flügel gebrochen hat!” Dabei lagen der erste Schock nach der Diagnose “Krebs” und nach der Operation bereits seit längerem hinter der jungen Frau. Das, von dem sie so freundlich und packend den Zuhörerinnen aus 42 Selbshilfe- Ortsgruppen in ganz Hessen erzählte, war etwas von dem Gefühl während ihres ersten Urlaubs nach der Amputation einer Brust. “Ich lag im Swimming- Pool in der Sonne auf dem Rücken. Die Prothese blieb nach oben stehen, die gesunde Brust legte sich nach unten. Ein Alptraum. Das hieß: den Rest der Zeit lag ich nur noch auf dem Bauch!”

Zum fünften Mal in Folge hatte sich am Wochenende der Landesverband Hessen der Frauenselbsthilfe nach Krebs zu einer Schulungs- und Informationsveranstaltung vom im AOK- Bildungszentrum in Homberg getroffen. Es ging um viele Themen, sicherlich waren aber die Vorführungen der selbst von Krebskrankheiten betroffenen Models die, die auch den Außenstehenden emotional am tiefsten berührten. Immer unter der Maxime, wie es eine Besucherin ausdrückte: “Du hast es und du musst damit leben – auch als Frau.”

Locker, cool, mit Esprit bewegten sich die Trägerinnen der Prothesen durch die Reihen der Besucherinnen. Nicht nur das perfekt sitzende Bustier zeigten sie und ließen die Anwesenden überlegen: Welche Seite ist die amputierte? Rechts, links? “Das Rätselraten ist die schönste Bestätigung für uns. Es steht fest: Wir sind super versorgt!”

Eine Modenschau der besonderen Art der Firma Amoena zeigte, wie man auch im schwärzesten Tal wieder Lebensfreude “an Land” holen kann. Eine weitere Variante bekam man in dem Tagungsraum mit den ausgesprochen bunt geschmückten Tischen geboten: Zwei Frauen ließen sich frisieren und bewiesen, dass man in Punkto Haar nach einer Chemo- Therapie nicht unbedingt auf Tauchstation gehen muss. Locker, mit viel Humor und einem starken Einfühlungsvermögen beschrieb Frisörmeister Siggi Ebenhoch im Beisein des mehrfachen Meisters Axel Remy aus Gedern, dass eine Perücke nicht einfach nur eine laxer Puschelkopf sein muss, den man am liebsten herunter reißen möchte. Vielmehr kann eine gut sitzende Perücke ein Kunstwerk sein, das sich anpasst an Typ und Wünsche eines Kunden.

Im Schnelldurchgang wurde geschnitten, frisiert, gestylt – der Gesichtsausdruck der Kundin verriet: Das Leben ist es wert, weiter gelebt zu werden. Zwei Frisöre mit einem schweren Job, dem sie mit sehr viel Herz nachgehen: “Glauben Sie, dass es nicht leicht ist, wenn jemand nach ein Paar Jahren plötzlich ganz verändert wieder vor ihnen steht: Es ist soweit, ich brauch wieder eine Perücke!”

Unter der Maxime „So geht´s nicht!“ initiierte Siggi Ebenhoch aus Hochheim vor einiger Zeit die Gründung für “Solidarpakt der Friseure für Krebspatienten”. Deutsche Meister, Welt- und Europameister sind mit im Boot. Mit welchem Elan und mit welchem herausragenden Können sie dabei sind, davon wurden die Besucherinnen in Homberg überzeigt.

Am ersten Tag hatte die Vorsitzende Barbara Seeber aus Darmstadt zur dreitägigen Schulungs- und Informationsveranstaltung die Teilnehmerinnen aus ganz Hessen begrüßt. Mehrere Vorträge gab es nach verbandinternen Informationen. So erführ man durch Referentin Konstanze Küpper von der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen Neues über den derzeitigen Stand des Mammographie-Screening. Über Rechtsprobleme informierte Hilde Schulte, Bundesvorsitzende der Frauenselbsthilfe. Das Gesellige kam nicht zu kurz mit einem bunten Abend, mit einem Besuch auf der Amoeneburg. “Wir sind in erster Linie immer noch Frauen!” Ulla Knapp, stellvertretende Vorsitzende der Frauenselbsthilfe nach Krebs, Landesverband Hessen, sprach diese Worte mit sprühendem Charme. Es war nicht der Ruch von Emanzentum. Es war schlicht und einfach – stark.