“bella” Ausgabe 38/2009 – Interview: “Für immer ohne Haare”

Für immer ohne Haare

Geht es um Haare, sind wir Frauen empfindlich. Wir stecken viel Geld in ihre Pflege, gehen regelmäßig zum Friseur, und viele von uns sind auch schon mal weinend wieder rausgegangen. Nur, weil die Farbe zu dunkel, der Schnitt zu kurz oder die Frisur nicht so war, wie wir es wollten. Kurz: Haare sind uns Frauen heilig. Was wäre also, wenn sie plötzlich ausfielen? Wenn wir morgens aufwachten und unser Kissen übersät von ihnen wäre? Wenn wir vor dem Spiegel sitzend ganze Büschel herausziehen und unser Problem nicht mehr verstecken könnten? Sonja Blode (39) aus Hennef (NRW) hat genau das erlebt. Sie leidet seit ihrer Kindheit an Alopecia areata totalis – einem kreisrunden Haarausfall, dessen Ursache bis heute unbekannt ist. Schon als junges Mädchen verlor Sonja ihre Kopfhaare. Mal vollständig, mal stellenweise. „Mit 16 hatte ich 5-Mark-Stück-große kahle Stellen auf dem Kopf, die ich mithilfe meines Zopfes verdeckte. Als Kind war ich zeitweise sogar völlig kahl. Dank UV-Bestrahlung und einer Tinktur kamen die Haare aber zwischendurch immer wieder. Deshalb hat es mich wohl nie so gestört“, erzählt die 39-Jährige. Zur Katastrophe kam es erst später – mit 24, als die dritte und letzte Phase begann. „1994 bekam ich wieder Haarausfall. Weil ich das ja bereits kannte, dachte ich mir zunächst nichts dabei. Doch dieses Mal war es anders“, sagt Sonja. Vier Jahre dauerte die Phase an. Noch schlimmer: Keine Behandlung half. „Der Blick in den Spiegel wurde unerträglich für mich. Nur mit großer Mühe konnte ich die kahlen Stellen verdecken. Obwohl ich erst um acht Uhr zur Arbeit musste, stand ich oft schon um fünf mit Bauchschmerzen auf, weil ich Panik hatte, keine Frisur hinzukriegen.“ Für Sonja war das die schlimmste Zeit ihres Lebens. Obwohl sie eigentlich ein lebensfroher Mensch ist, zog sie sich immer mehr zurück. „Ich sagte Partys ab, weil ich mich unwohl fühlte. Bei der Arbeit ließ ich mich krankschreiben, und auf die Straße ging ich nur noch mit gesenktem Kopf“, erinnert sich die Rheinländerin. „Ich glaube, ich habe meinem Leben damals nur kein Ende gesetzt, weil mein altes lebensbejahendes Ich tief in mir drin rebellierte.“ Als im Oktober 1998 nur noch ihr Pony übrig war, wusste Sonja, dass sie etwas tun musste. Im Zweithaarstudio „Haar Vital“ in Troisdorf ließ sie eine Perücke anfertigen, gegen die sie sich bisher immer gewehrt hatte. „Die Vorstellung, offensichtlich eine Perücke zu tragen, fand ich einfach schrecklich.“ Doch die Verzweiflung trieb sie an – zum Glück. „Wenn ich jetzt darüber nachdenke, ärgere ich mich, dass ich so lange damit gewartet habe. Denn mit jenem Moment, als ich meine neuen Haare auf dem Kopf hatte, änderte sich mein Leben. Ich blühte wieder auf und strotzte plötzlich vor Selbstbewusstsein!“ Gleich am ersten Wochenende ging sie aus. Sie feierte, tanzte, lachte. Sie spürte die Männerblicke, und mit jedem Flirt wuchs ihr Selbstvertrauen. Auch den Blick in den Spiegel konnte sie wieder genießen – ganz ohne Bauchschmerzen und erhobenen Hauptes. „Ich drehte die Musik laut auf und tanzte vor dem Spiegel. Endlich war ich wieder ich!“ Neun Jahre trägt die Kosmetikerin nun schon ihre Echthaarperücke, mit der sie einfach alles machen kann: schlafen, schwimmen, Rad fahren. Nur zum Liebesglück konnten ihr die Haare noch nicht verhelfen. „Viele Männer schrecken zurück, wenn ich Ihnen von meiner Perücke erzähle. Traurig, aber wahr. Sie verbinden die Glatze mit Krankheit und verlieren schnell wieder das Interesse an mir.“ In ihrer letzten Beziehung trug sie nachts sogar ein Tuch, weil sie spürte, dass ihr Partner sich mit ihrem kahlen Kopf nicht wohlfühlte. Dabei hat sie selbst überhaupt kein Problem mehr mit ihrer Glatze. Im Gegenteil: Um anderen Mut zu machen, präsentiert sie sich auf Veranstaltungen oft „oben ohne“. Nur ihrem Vater versucht sie, den Anblick zu ersparen. „Ich weiß, dass er es nicht haben kann. Ich tue ihm dann immer so leid.“ Ein Leben ganz ohne Perücke kann sich Sonja nicht mehr vorstellen. Will sie auch gar nicht. „Meine Freundin hat mich vor Kurzem mal gefragt, was ich tun würde, wenn mich jemand vor die Wahl stellt: eine Million Euro oder meine alten Haare zurück? Für mich war die Antwort sofort klar: Ich würde die Million nehmen!“

Iris Börgerding

„Für Männer ist Haarausfall ein Problem, für Frauen eine Katastrophe“

Warum das so ist, erklärt Dr. Ronald Henss, Psychologe an der Universität des Saarlandes:

WAS BEDEUTEN HAARE FÜR UNS?
„Kopf und Haare haben eine starke visuelle Prominenz. Sie springen ins Auge, sind das auffälligste Merkmal
unseres Körpers. Wir können ihre Länge, Farbe, Form und Struktur variieren und uns so schmerzlos
und kurzfristig verändern. Auch, um uns von anderen zu unterscheiden. Unsere Haare sind
eine einzigartige Informationsquelle, die Alter, Geschlecht, Rasse, soziale Gruppenzugehörigkeit
oder sogar Stimmung verraten können. Andersherum werden wir auch über die Haare beurteilt.“

WAS IST KREISRUNDER HAARAUSFALL?
„Diese Art des Haarausfalls ist lokal begrenzt. Rund 1,4 Mio. Deutsche leiden darunter.
Experten vermuten, dass er Folge einer Autoimmunkrankheit
ist. Damit ist er seltener als z. B. der androgenetische Haarausfall
(Geheimratsecken, Haarkranz). Menschen mit kreisrundem Haarausfall haben kahle Stellen
am Kopf oder sogar eine Glatze, sehen deshalb oft krank aus. Da wir Kranke instinktiv meiden,
werden Betroffene häufig sozial benachteiligt.“

WARUM LEIDEN FRAUEN MEHR UNTER HAARAUSFALL ALS MÄNNER?
„Volles und gesundes Haar ist die Definition von Weiblichkeit. Eine Glatze
oder kahle Stellen minimieren daher die sexuelle Attraktivität – selbst die der schönsten Frau. Da bei
Männern der androgenetische Haarausfall fast normal ist, ist hier die Akzeptanz viel größer. Für
den Mann ist kreisrunder Haarausfall zwar ein Problem, für die Frau aber eine Katastrophe.“

WELCHE PSYCHISCHEN FOLGEN KANN HAARAUSFALL FÜR FRAUEN HABEN?
„Durch die negativen Reaktionen, die Frauen mit kreisrundem Haarausfall erfahren, sinkt häufig
ihr Selbstwertgefühl. Das kann in vielen Fällen sogar zu einer Depression führen.“