
Haarverlust unter psychologischen Aspekten aus “Neues Haar” Ausgabe 1/2007
Christel Dewenter-Scholz (Dipl.-Psych.)
Beratungsstelle für Krebsbetroffene – help -
Was bedeutet Haarverlust, ausgelöst durch eine Chemotherapie, für die Menschen?
Grundsätzlich kann man sagen, dass Haarverlust gleich dem Verlust anderer Körperteile zu betrachten ist. Als Teil des eigenen Körpers hat Haarverlust die Konsequenz, dass etwas, was vorher vorhanden war und eine bestimmte Funktion hatte, auf einmal nicht mehr da ist.
Macht es einen Unterschied, ob man Haare durch eine Behandlung verliert oder auf mehr oder weniger natürliche Art und Weise?
Ein entscheidender Faktor im Erleben beim Haarverlust durch eine Chemotherapie ist die zeitliche Komponente, also dass die Haare relativ rasch ausgehen. Obwohl der Patient über den Haarverlust aufgeklärt wurde, hat er das Gefühl, sich noch nicht auf den Vorgang eingestellt haben zu können und er dennoch mehr oder weniger hiervon überrascht wird. Es stellt sich quasi ein Gefühl ‚Von jetzt auf gleich’ ein. Um sich nicht als hilflos und der Erleidende, sondern das Geschehen selbst in der Hand und somit kontrollieren zu können, also der Hilflosigkeit zu begegnen, beugen viele Patienten dem vor, indem sie, bevor es mit ihnen geschieht, selbst aktiv werden und sich das eigene Haar abrasieren.
Wie wird denn danach der Zustand oder das Sein ohne Haare erlebt?
Durch den Haarverlust spürt der Betroffene – hier wird das Taktile angesprochen -, also über den Tastsinn wird u.U. zum ersten Mal verspürt, dass er erkrankt ist. Beim Haarverlust wird Kälte oder das Wasser bei der morgendlichen Dusche, insgesamt die stoffliche Berührung auf der haarlosen Kopfhaut, plötzlich anders erfahren; die sonst durch das Haar geschützte Kopfhaut wird durch die Enthaarung bloß und sensibel und somit wird „unmittelbar“ erlebbar, dass man erkrankt bzw. krank ist. Die Erkrankung an sich wird oft nicht als Krankheit erlebbar, macht möglicherweise keine Schmerzen oder hat sonstige Symptome. Aber durch das taktile Empfinden rückt sie ins Bewusstsein und durch die innegehabte Funktion des Haares als Kopfschutz wird man bei dessen Verlust erlebtermaßen eines Schutzes beraubt, der Mensch fühlt sich „schutzlos“ der Welt ausgeliefert. Durch den Haarverlust bekommt Krankheit also eine andere „Wirk-lichkeit“, sie wird realer.
Aber auch das Aussehen ist verändert.
Das Optische ist die weitere Dimension im Erleben des Menschen bei einer chemotherapeutischen Behandlung mit Haarverlust. Das ist uns von außen betrachtet zugänglicher als die taktile Dimension: der Mensch ohne Haar sieht anders aus als vorher, er sieht sich selbst im Spiegel verändert und empfindet sein eigenes Spiegelbild als fremd. Aber auch in der gedachten Spiegelung von sich in den Augen anderer, erfährt der Mensch sich drastisch verändert. Das Bild, das sich ihm bietet, stimmt nicht mehr mit dem überein, wie und als was er sich vorher noch gesehen hat. Es ist eine Diskrepanz in der Erfahrung mit dem Bild im Spiegel als auch mit dem innerpsychischen Bild von sich selbst aufgetreten.
Wie kann ich mir das vorstellen?
Der Mensch stellt ein Bild von sich her, das über die Ausprägung bestimmter Wesenseigenarten aber auch über Äußerlichkeiten wie Kleidung als auch Haartracht funktioniert. Als plastisches Beispiel kann man hier Punks und Skinheads anführen, oder die schwarzgefärbten Haare der Grufties oder Gothics, die über Kleidung als auch Frisur eine Gruppenzugehörigkeit sowie Gesinnung ausdrücken und sich hierüber etwas Identitätsstiftendes verschaffen. Frisur und Haar als Bildgebendes schaffen Identität. Im Gegenzug kann Haarverlust den Verlust des Erlebens der eigenen Identität bedeuten.
Und das bedeutet?
Indem der Mensch eine Identität von sich herstellt, schafft er sich seelisch notwendige Grenzen. Durch diese Grenzen oder durch die Identität erfährt sich der Mensch als Einheit, die sich von anderem abgrenzt: „Ich bin ich“. Hierüber kann er sich als relativ stabil erleben. Mit erlebtem Verlust an Identität werden Grenzen zwischen Eigenem und dem Fremden berührt. Seelische Instabilität kann eine psychische Erkrankung nach sich ziehen.
Wie kann der Betroffene diesem erlebten Verlust entgegenwirken?
Ich möchte noch zu einem weiteren Aspekt ausholen: Haare haben eine weitere Funktion oder können als Ausdrucksmittel eine weitere Funktion innehaben. Wenn man mehr den Aspekt der seelischen Ausdrucksverleihung betont kann Frisur als Ausdrucksmittel, als Versinnlichung der eigenen Befindlichkeit dienen oder man kann sich über die Frisur eine bestimmte Verfassung geben. Je nachdem wie ich mich kleide oder aber frisiere, gebe ich mir für jeden Anlass eine andere seelische Verfassung. Beispielsweise Unkompliziertes für den Alltag, Strenges für den Beruf, Festliches für die besondere Gelegenheit. Bei einem Haarverlust ist man dieses Ausdrucksmittels beraubt und das wird als Mangel in der Gestaltungsfreiheit, bzw. –möglichkeit auch der seelischen Verfasstheit erlebt.
Welche Mittel hat der Betroffene diesen Verlust auszugleichen?
Eine Perücke dient als Haarersatz während der Behandlung in erster Linie dazu, die eigene Identität und damit die seelische Stabilität zu erhalten und somit auch seelischen Störungen entgegenzuwirken. Unter Umständen kann aber das veränderte Äußere in seelische Entwicklungen übergehen und genutzt werden, auch andere Änderungen herbeizuführen und sich in neue Identitäten einzufinden. Manch eine Patientin, die vor Behandlung langes oder gefärbtes Haar trug, entscheidet sich danach dauerhaft für einen Kurzhaarschnitt oder ihre natürliche Haarfarbe und stellt fest, dass sie auch ohne künstliche Aufbereitung des Haars attraktiv ist, akzeptiert wird oder aber sich selbst akzeptieren kann. Besonders eindrucksvoll habe ich allerdings das quasi spielerische Einüben in neue Identitäten bei einer Patientin erlebt, die sich mehrere Perücken unterschiedlicher Haarfarbe und Schnitt zulegte, um sich diesen länger gehegten Traum der wechselnden Identitäten anlässlich der Erkrankung zu erfüllen.
Das Interview führte Nadine Dammann.
Quelle: NEUES HAAR 2007
